Grossarth-Maticek, Ronald
Synergetische Präventivmedizin –
Forschungsstrategien für Gesundheit
Mai 2008, Springer, Berlin, 12198979
EUR 69,95 Während die kurative Medizin in den westlichen Ländern hoch entwickelt ist, befindet sich eine systematische Forschung im Rahmen einer präventiven Medizin noch in ihren Anfängen.
Es werden Überlegungen angestellt, wie der Entstehung einzelner Krankheitsbilder durch einzelne Maßnahmen vorzubeugen ist. Weltweit gibt es jedoch noch keine Studien, die eine große Anzahl von Risikofaktoren und Ressourcen erfassen, sodass die Wechselwirkungen beider in Hinblick auf die Aufrechterhaltung der Gesundheit bis ins hohe Alter und die Entstehung einer großen Anzahl unterschiedlicher chronischer Erkrankungen noch weitgehend unerforscht sind.
Eine erfolgreiche Präventivmedizin setzt sowohl eine Identifikation der unterschiedlichen Einflussgrößen auf die Entstehung chronischer Erkrankungen, als auch den Nachweis der Wirksamkeit der entwickelten präventiven Maßnahmen durch randomisierte prospektive Experimente voraus. In dieser Hinsicht sind die multidisziplinären prospektiven Studien von Ronald Grossarth-Maticek bisher weltweit einmalig. Sie umfassen sowohl eine große Datenbasis als auch mehrere randomisierte Experimente zur Überprüfung der Effektivität präventiver Interventionen.
Die Ergebnisse dieser Studien hat Grossarth-Maticek 2008 unter dem Titel „Synergetische Präventivmedizin – Forschungsstrategien für Gesundheit“ im Springerverlag veröffentlicht.
Der Professor für postgraduierte Studien, der in Heidelberg das Programm für multidisziplinäre Forschung des Zentrums für Frieden und Entwicklung leitet, konzentriert sich auf die Entstehung des Bronchialkarzinoms, des Pankreaskarzinoms, des Mamakarzinoms sowie von Herzinfarkt, Morbus Alzheimer und Morbus Parkinson.
Er zeigt in seiner wissenschaftlichen Arbeit, dass chronische Erkrankungen schon Jahre vor ihrem klinischen Ausbruch hervorgesagt werden können, wenn eine große Anzahl physischer und psychosozialer Risiko- und Positivfaktoren berücksichtigt wird.
Zu den physischen Risikofaktoren zählt er unter anderem die familiäre Disposition für bestimmte Krankheiten, Fehlernährung, Kaffee-, Zigaretten- und Alkoholkonsum, während der Verzicht auf Drogen, eine ausgewogene Ernährung, mäßige und regelmäßige Bewegung u. a. physische Positivfaktoren sind. Psychosoziale Risikofaktoren sind unverarbeitete traumatische Erlebnisse, schlechte Arbeitsverhältnisse, Zurückweisungen im beruflichen und familiären Umfeld u. a., psychosoziale Positivfaktoren hingegen eine gute Selbstregulation, Anerkennung im familiären und beruflichen Umfeld etc. (In Kapitel 12 werden physische und psychosoziale Risiko- und Positivfaktoren, geordnet nach der statistischen Stärke ihres Einflusses auf Krankheitsentstehung bzw. den Erhalt der Gesundheit, dargestellt. Der Leser kann sich anhand dieser Liste selbst prüfen).
Die einzelnen Faktoren wirken für sich krankheitserzeugend bzw. gesundheitsfördernd, sie treten jedoch auch in gegenseitige Wechselwirkung und bilden Synergieeffekte. Synergetik entsteht, wenn der Effekt des einen Faktors vom Niveau des anderen abhängig ist. So kann zum Beispiel der Effekt eines physischen Faktors in Bezug auf die Entstehung einer chronischen Erkrankung von der Ausprägung eines psychosozialen Faktors abhängig sein und umgekehrt.
Im Zusammenhang mit den psychosozialen Risikofaktoren spielt auch die Grossarthsche Verhaltenstypologie eine Rolle. Diese unterscheidet sechs Verhaltensmuster, die sich im Laufe des Lebens herauskristallisieren. Grossarth betont, dass sie als solche weder Ursache für Gesundheit noch für Krankheit sind, in der Wechselwirkung mit anderen Risiko- bzw. Positivfaktoren jedoch von hoher gesundheitlicher Relevanz sein können.
Von großem präventivmedizinischen und gesellschaftspolitischen Interesse dürfte auch Grossarth-Maticeks Erkenntnis sein, dass die entscheidenden Risikofaktoren in relativ kurzer Zeit so verändert werden können, dass ein wesentlicher und höchst signifikanter Beitrag zum Erhalt der Gesundheit bis ins hohe Alter und zur Verhütung chronischer Erkrankungen geleistet werden kann.
Die Interventionsmethode zur Veränderung der betreffenden Risikofaktoren nennt Grossarth-Maticek Autonomietraining.
Sie baut auf der Annahme auf, dass Emotionen und Kognitionen im präfrontalen Gehirn eng und solange untrennbar miteinander verknüpft sind, bis neue Erfahrungen durch neue Kommunikationsweisen gemacht werden. So kommt es vor, dass Menschen bestimmte sowohl emotional als auch gesundheitlich relevante Probleme auch langfristig nicht lösen können. In einem ein- bis zweistündigen Autonomietraining wird das zentrale Problem identifiziert und es werden alternative Verhaltens- und Kommunikationsmodelle entwickelt. Es ist statistisch erwiesen, dass es in randomisierten Experimenten gelungen ist, eine große Anzahl psychosozialer und physischer Risikofaktoren zu verändern und Positivfaktoren zu aktivieren. So konnte eine signifikante Verringerung des klinischen Ausbruchs unterschiedlicher chronischer Erkrankungen erreicht werden.
Die Interventionsmethode wird im Buch anhand zahlreicher Beispiele und methodischer Beschreibungen der einzelnen Techniken erläutert.
Grossarth selbst beschreibt auch die Möglichkeiten, seine Forschungsergebnisse in die Praxis umzusetzen. Unter anderem soll ein Expertensystem entwickelt werden, sodass jeder die Möglichkeit hat, sich am Computer durch die Beantwortung von Fragen selbst zu testen und von Trainingsempfehlungen zu profitieren. Der praktizierende Arzt kann Methoden zur Betreuung seiner Patienten ableiten und die monodisziplinär arbeitenden Wissenschaftler bekommen Denkanstöße für eine multidisziplinäre Integration.