Die Petitions-Falle

Eine Komödie in drei Akten: Petition gegen
„Drohendes Verbot für natürliche Heilweisen“
11. 11. 2013, Lutz Berger

Im Netz kursieren zahlreiche Aufforderungen zu Petitionen, die man/frau unterschreiben kann. Oder nicht. Eigentlich eine nützliche Sache, um sich politisch zu engagieren! Aber – dieses Instrument scheint auch bisweilen zweckentfremdet zu werden.

Über 250.000 Personen unterschrieben in den letzten Monaten eine Petition gegen das „Drohendes Verbot für natürliche Heilweisen“. Absender war der Verein Grundrecht auf Gesundheit e.V. der ein Szenario beschrieb, das Angst und Schrecken verbreitete:

„Drohendes Verbot für natürliche Heilweisen!
Die Agrar- und Pharmalobby ist jetzt bald am Ziel! Die EU–Gesetzgebung soll ab 17. Nov. zu einem Verbot führen, das uns alle sehr hart trifft! Es soll ein „Aus“ geben für Naturpräparate, Naturheilverfahren, natürliches Saatgut usw. … Auch dürfen keine Aussagen mehr gemacht werden über Auswirkungen von Lebensmitteln auf die Gesundheit. Die im letzten Dezember auf dem Weltkongress verabschiedete Resolution des „Codex Alimentarius“ soll somit umgesetzt werden! Anbei Link zum Video mit Petitionsunterzeichnung. Bitte unterzeichnen und weiterzuleiten!“

Klang einleuchtend, typisch EU, die bösen Bürokraten und ein Blick auf die Webseite und das Video verstärken diesen Eindruck. Es galt zu handeln! Wirklich?

Gegen was engagiere ich mich eigentlich?
Gegen die EU-Verordnung „Nr. 1924/2006 über nährwert- und gesundheitsbezogene Angaben über Lebensmittel“, die seit 2007/2008 in Kraft ist.

Bei der es, wie ich einem Blog-Kommentar von Margit entnehme, nicht nicht etwa darum geht, „dass irgendwelche Lebens- oder Nahrungsmittel nicht mehr verkauft werden dürfen, sondern darum, welche Behauptungen in punkto Nährwert, Energie, etc. und vor allem in punkto Krankheit/Gesundheit auf den Lebensmitteln angebracht werden dürfen bzw. mit welchen diesbezüglichen Angaben Lebensmittel beworben werden dürfen.“

Oups, will ich diese Petition wirklich unterschreiben? Es wird sogar noch wirklicher, weswegen ich die Komödie in drei Akte unterteile:

1. Akt: Der Verein Grundrecht Gesundheit
Ein Blick auf die Webseite schürt Zweifel an der Authentizität der Aktion. Zu werblich der Look, zu reisserisch formuliert. Schauen wir in das Impressum : Der Verein ist taufrisch und seit dem 4.10.2013 im Vereinsregister eingetragen.

1. Vorsitzende des Vereine ist Daniela Birkenbach, Dipl. Theologin, von der man in ihrem XING-Profilerfährt, dass sie „Bereichsleiterin Gesundheit FID Verlag GmbH Fachverlage für Informationsdienste“ ist.

2. Vorsitzender ist Günter Stein, er steht laut seinem XING-Profil für „Erfolgreiche Werbetexte, Redaktionelle Beiträge, die begeistern. Die Fähigkeit Kompliziertes in Schrift Wort und Bild für die jeweilige Zielgruppe ansprechend darzustellen“. Offenbar erfolgreich, denn: „Direktmarketing seit 23 Jahren. Gesamtverkäufe mit meinen Texten: 43,6 Mio. €“.

Sind die beiden wirklich nur Überzeugungstäter für eine gute Sache? Eine authentisches Anliegen? Oder Auftragnehmer für andere Interessen? Im Impressum steht, daß sich „der Verein Grundrecht auf Gesundheit e.V. ganz herzlich beim Fachverlag für Gesundheitswissen bedankt, welcher sich bereit erklärt hat, uns sein Newsletter-Versandsystem zur Verfügung zu stellen, um unsere Petition voranzutreiben.“ Liegt ja auch nahe, denn der Verein Grundrecht auf Gesundheit hat die gleiche Postadresse wie der FID-Verlag (Koblenzer Straße 99, 53177 Bonn). Beide Vereins-Vorsitzende arbeiten für den FID-Verlag und für die Schwestergesellschaft, die VNR Ag, auf die ich im 3. Aufzug noch zu sprechen komme.

2. Akt: Der FID Fachverlag für Gesundheitswissen
Es besteht also eine gewisse Nähe des Absenders unserer Petition und dem FID-Verlag, einem echter Allrounder für Publikationen aller Art. Das Spektrum reicht über Gesundheit, Geldanlagen, Elternwissen, Branchen bis hin zu Broker („Traden Sie CFD´s, Devisen, Aktien und mehr über den CFX Broker“). Der FID-Verlag ist zudem ein Schwesterunternehmen vom Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, VNR, 1998 als Tochterunternehmen des Verlag Norman Rentrop gegründet, die 2012 zusammen 107,2 Millionen Euro Umsatz machten.

Das Ganze war in wenigen Klicks recherchiert und so bin ich nicht der Einzige, der hellhörig wurde.Rene Gräber schreibt in seinem Blog: „Die Webseite machte mich etwas stutzig, nachdem ich ins Impressum geschaut hatte. Deswegen habe ich einige Fragen an die dort angegebene email gesendet habe:

A) Wo ist ihre Vereinssatzung einsehbar?
B) Wer sind die Mitglieder? Wer kann stimmberechtigtes Mitglied werden?
C) In welchem Bezug stehen Sie zum FID Verlag? Sind Gesellschafter / Geschäftsführer etc. des FID Verlags in der Vereinsführung beteiligt?
D) Meines Wissens ist die Verordnung 1924/2006/CE ja bereits in Kraft. Bezieht sich Ihre Petion auf die Rolle der EFSA?

Als “Autoresponder” erhielt ich sofort folgende Antwort: Ich befinde mich im Urlaub und werde Ihre E-Mail erst wieder ab dem 2. September 2013 beantworten können. In dringenden Fällen wenden Sie sich bitte an Herrn Simon Höcky (SIH@vnr.de) oder Frau Christina Weiss (Cwe@vnr.de). Vielen Dank! Daniela Birkelbach“

3. Akt: Der VNR-Verlag
Die angegebenen Mailadressen (xy@vnr.de) führen zu experto, dem „Beraterportal mit 500 ausgewiesenen Fachleuten“, das vom VNR Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG betrieben wird. Laut Presseerklärung finden sich dort „46.500 praxisorientierte Beraterartikel zu allen Bereichen des privaten, beruflichen und geschäftlichen Lebens“. Und das überaus erfolgreich, denn „2012 hat der Verlag gemeinsam mit seinem Schwesterunternehmen FID Verlag GmbH Fachverlag für Informationsdienste über 293 Produkte herausgegeben und einen Umsatz von 107,2 Mio. Euroerwirtschaftet. Damit rangieren sie im Ranking der deutschen Fachverlage auf Platz 8.“ Respekt! Aber was hat das mit der Petition zu tun?

Fazit
Die Petition dreht sich um „das drohende Verbot für natürliche Heilweisen“. Die EU-Verordnung auf die sie sich bezieht, ist seit sechs Jahren in Kraft und hat mit dem angegebenen Zweck nichts zu tun. Der Verein und das Projekt ist in meinen Augen alles andere als transparent und mehr als fragwürdig. Dient die Aktion nur dazu, Adressen von (ahnungslosen) naturheilkundlich Interessierten zu gewinnen? Auf einen Schlag 255.612 aktuelle Adressen von naturheilkundlich Interessierten? Soviel haben bis zum 11. 11. 2013 unterzeichnet. Dieser Adressenbestand ist Gold wert!

Auf jeden Fall steht sie für die Chancen und Gefahren des Internet. Chancen insofern, als dass man in kurzer Zeit viele Menschen europaweit für eine Sache mobilisieren kann. Gefahr insofern, dass Ahnungslosigkeit auch ausgenutzt werden kann.

Meine Recherche war ein Kinderspiel. Einfach die Namen eingeben und den Links folgen. Das sollten wir in Zukunft vielleicht häufiger machen, bevor wir etwas unterzeichnen …